Die Coronakrise stellt einen beispiellosen Gesundheitsnotstand dar, mit gravierenden Risiken für die physische sowie psychische Gesundheit. Die, zur Eindämmung der Coronavirus-Ausbreitung eingerichteten Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen wurden besonders in Wuhan von Bildern von überfüllten Krankenhäusern, rasch steigenden Todeszahlen und verzweifeltem medizinischen Personal begleitet. Nachdem der Fokus der Aufmerksamkeit initial auf der Sicherstellung der medizinischen Basisversorgung, die Ausweitung intensivmedizinischer Beatmungskapazitäten und die Unterbrechung der  Infektionsketten lag, werden nun zunehmend die psychischen Folgen deutlich, zu welcher die Pandemie geführt hat. Die akute Belastungssituation in China betrifft nicht nur die am Virus erkrankten Menschen und ihre Angehörigen, sondern auch all jene, die von den strengen Isolationsmaßnahmen betroffen sind, sich vor einer möglichen Infektionen fürchten, oder um ihre Existenzgrundlage bangen müssen. Eine besonders betroffene Populationsgruppe stellt darüber hinaus das medizinische und pflegerische Fachpersonal dar, welches unter einer enormen Arbeitslast, erschwerten Arbeitsbedingungen, aber auch erhöhtem Infektionsrisiko arbeitet. Hinzu kommen in China komplizierende Faktoren wie Überforderungserleben, Isolation von den Familien, und Stigmatisierung.

Seit dem Ausbruch der Pandemie pflegt das Alumnifachnetz für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) – ein Projekt der 2017 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ins Leben gerufenen Initiative der Deutsch-Chinesischen Alumnifachnetze (DCHAN) – einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit den, im psychologischen Krisenmanagement tätigen Kollegen in China.

Zur psychologischen Unterstützung haben die chinesischen Experten für psychosomatische Medizin und Psychotherapie zuletzt eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt: Es wurden mehrere  Kriseninterventionshotlines eingerichtet, Online-Beratungsplattformen  aufgebaut, und  verschiedentliche Bücher und Ratgeber publiziert, die Informationen zur Selbstfürsorge und zu möglichen Behandlungsangeboten vermitteln. Ferner wurden psychologische Interventionsteams zusammengestellt, welche Patienten und medizinisches Personal in Kliniken betreuen.  Auf den speziell für die Krisensituation entwickelten Online-Plattformen und den großen  Social-Media-Plattformen wurden umfassende Informationen über das Coronavirus, Kurse zur psychologischen Selbsthilfe sowie Vorträge von Experten veröffentlicht.

Aktuell sammeln die Wissenschaftler der Heidelberger und Freiburger Universitätskliniken für Psychosoamtische Medizin und Psychotherapie Informationen über die psychologischen Behandlungsangebote aus obengenannten verschiedenen Quellen in China. Eine große Anzahl von Büchern, Publikationen, Videos, Vorträge und Berichte wurden gesichtet und analysiert. Desweiters erfolgen regelmäßige Videokonferenzen und persönliche Interviews mit den chinesischen Kollegen. Im Folgenden wird eine Zusammenstellung der unterschiedlichen Formen psychologischer Unterstützungsangebote und Krisenmanagementprogramme in China aufgestellt.

Unsere inhaltliche und methodische Aufarbeitung zeigt, dass die psychologischen Unterstützungsangebote und Krisenmanagementprogramme in China grundsätzlich die gleichen Konzepte und Grundlagen der Krisenintervention verwendet wie die deutschen Experten. Die chinesischen Fachleute implementieren die in der Medizin und Psychologie wissenschaftlich validierten und klinisch bewährten Verhaltensmaßnahmen und kognitive Strategien, um die Ausnahmesituation zu bewältigen. Es gibt allerdings bei der Umsetzung der Methoden einige Besonderheiten in China.

  1. Eingesetzte psychologische Techniken

Kernpunkte der psychologischer Krisennterventionen während der Corona-Pandemie sind die psychische Stabilisierung der Bevölkerung, die Förderung konstruktiver Bewältigungsstrategien sowie die Gewährleistung adäquater professoneller Hilfen für Patienten mit psychischen Problemen.   Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Entlastung und Unterstützung des medizinischen Personals. Die psychologischen Interventionen haben zum Ziel, Betroffene bei der Bewältigung dieses psychischen Ausnahmezustands zu unterstützen, das Sicherheitserleben zu stärken, und positive Bewältigungsstrategien in Stresssituationen zu stärken. Besonders das Kontrollerleben und die Selbstwirksamkeit sollen gefördert werden, um Zustände von Hilflosigkeit und Kontrollverlust zu reduziert. Die Konkreten Empfehlungen zur psychologischen Gesundheit sind im folgenden Abschnitt beschrieben.  Zur Strukturierung der reichhaltigen Informationen werden die vielzähligen Techniken und Methoden auf fünf Ebenen aufgegliedert.

  • Allgemeine Informationen
  • Ratschläge über gesunde Ernährung,, ausreichenden Schlaf, ausreichende Bewegung und Sport. Diese Faktoren haben eine nachweislich positive Wirkung auf die psychische Gesundheit.
  • Achten auf eine ausreichende körperliche Grundhygiene, ohne jedoch zu übertreiben.
  • Basiswissen über andere relevanten Erkrankungen, wie z.B. die Grippe oder Lungenentzündungen mit normalem Krankheitsverlauf.

 (2) Kognitive Ebene

  • Umgang mit Informationen und Meldungen zum Coronavirus
    • Detaillierte Aufklärung über das Coronavirus: fundierte Informationen zu den Risiken, mögliche Bekäpfungsmaßnahmen wie Impfungen und Prognosen. Diese Fakten helfen gegen überfordernde Gefühle von Kontrollverlust und Hilflosigkeit.
    • Hinweise über die Vertrauenswürdigkeit von Quellen zur Informationsgewinnung. Gewinnung von seriösen und klaren Informationen geben Orientierung und Sicherheit.
    • Vermeidung von übermäßiger Beschäftigung mit den aktuellen Geschehnissen in den Nachrichten und medialen Meldungen aller Art. Beschränkung des Medienkonsums auf z.B. einer Stunde pro Tag.
    • Kenntnisse über körperliche Symptome und den typischen Krankheitsverlauf der Covid-19-Erkrankung. Auch der emotionale Stress kann sich in Form von körperlichen Beschwerden, wie Herzklopfen, Atemnot, Engegefühl in der Brust, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Kopfschmerzen, Einschlafstörungen und Albträumen äußern. Korrektes Wissen kann gegen übermäßige Angst helfen.
  • Vermeidung von kognitiver Verzerrung:
    • Die selektive Aufmerksamkeit auf negative Informationen sowie das selektive Ausblenden von positiven Informationen sollte vermieden werden.
    • Katastrophisieren, also die kognitive Überbewertung von negativen Informationen oder potenziellen negativen Folgen von Stessereignissen sollten vermieden werden.
    • Obsessives Grübeln (z.B. immer wieder über die Epidemie nachdenken) und absolutes Denken (Denken in Schwarz oder Weiß) sollte vermieden werden.
  • Positives Denken und Optimismus
    • Fokus auf positive Inhalte setzten, wie z.B. „Was hat mich heute gefreut?“, „Was habe ich heutebesonders gut gemacht?“ oder „Wofür bin ich dankbar?“.
    • Aufmerksamkeit auf Informationen aus der Umwelt setzten, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, z.B. wirksame Schutzmaßnahmen, nationale und zwischenmenschliche Unterstützung bei der Bekämpfung der Epidemien.
    • Positives Selbstverstärkung und Selbstinstruktion, z.B. „Ich bin stark, ich werde es schaffen!“ „Ich habe auch in der Vergangenheit bereits große Schwierigkeit gemeistert!“ „Ich übernehme Verantwortung für meine Gefühle.“, „Herausfordernde Situationen geben mir die Möglichkeit, meine Bewältigungsfähigkeiten zu trainieren. “
  • Sinngebung:
    • Nehmen diese Ausnahmezustände als eine Gelegenheit, um über den Sinn des Lebens nachzudenken, z.B. die Rolle der Familie, die Beziehung zwischen Mensch und Natur etc..
    • Gesetzliche Regeln wie z.B. die soziale Isolation als kollektive soziale Verantwortung und altruistische Handlung verstehen.
    • Fokus auf die positiven Auswirkungen der Situation richten, z.B.: „Ich kann jetzt mehr Zeit mit meiner Familie verbringen“, „Ich kann endlich Hobbies wie  kochen, fotografieren, oder tanzen lernen.“.

(3) Emotionale Ebene:

  • Die eigenen emotionalen und physiologischen Reaktionen akzeptieren; sich seine Gefühle eingestehen, wie z.B. Gefühle von Verzweiflung, Frustration, Wut, Trauer. Diese Gefühle solle man sich selbst erlauben, und sie auszudrücken, anstatt sie zu leugnen. Es sind menschliche und natürliche Reaktionen auf Extremsituationen.
  • Techniken der Emotionsregulation
    • Die Emotion wahrnehmen und benennen. Fühle ich Angst, Traurigkeit, Wut… ? Ist die Angst begründet? Wie kann ich ihr begegnen, ohne bestimmte Situationen grundsätzlich zu vermeiden?
    • Die Emotion ausdrücken, z.B. durch schreiben, malen, musizieren.
    • Begrenzen der Grübelzeit, z.B. eine Zeit von 20 Minuten am Tag festlegen, um sich dem Grübeln zu widmen.
    • Vermeidung ungesunder Strategien der Emotionsregulation, zum Beispiel übermäßiger Alkoholkonsum.
    • Dankbarkeitstagebuch führen: Schreiben Sie jeden Tag mindestens 3 Dinge auf, für die Sie dankbar sind.
  • Sebstfürsorge und inneren Ausgleich schaffen. Auch im Internet findet man Anleitungen für
    • Atemübungen
    • Entspannungsübungen
    • Mentale Techniken wie Imaginationsübungen, Phantasiereisen
    • Achtsamkeitstrainings
    • Meditationen
  • Mobilisieren der innere Ressourcen: alles, was eine Person an positiven Erfahrungen in ihrem Leben gemacht hat: alle Probleme die sie bereits überwunden und gelöst hat, eigene Stärken, Talente, Ziele und Werte
    • Steigern die positive Emotionen, nehmen die schönen Dinge um sich herum bewusst wahr.
    • Vertrauen die eigenen Stärken und Fähigkeit mit dieser Situation umgehen zu können.
    • Behalten die Hoffnung für die Zukunft.
  • Sicherung der sozialen Unterstützung: regelmäßige Kontakte mit Familien, Verwandten, Freunden und ggf. psychologischem Fachpersonal (per Telefon, Videochat oder Social Media), um sich mit anderen über die Gefühle auszutauschen und sich Unterstützungen einzuholen.

(4) Verhaltensebene:

  • Aufrechthalten einer Tagesstruktur
    • alltägliche Routine aufbauen oder aufrechterhalten
    • realistische Ziele setzten und dafür nötige Handlungensschritte planen
    • Wochenplan aufstellen und Projekte planen
  • Überwachung der eigenen psychischen Gesundheit, z.B. über Online-Assessment und Fragebögen zur psychischen Belastung.
  • Positive Aktivitäten im Alltag: Filme oder Videos schauen, Bücher lesen, und andern Hobbies nachgehen..
  • Regelmäßiger Sport

(5) Unterstützung des medizinischen Fachpersonals:

Viele Ärzte und Pflegekräfte arbeiten unter enormer psychischer Belastung und Stress. Sie benötigen besondere Unterstützung.

  • Beratungs-/Unterstützungsangebot durch die Klinikleitung
  • Ausreichende Versorgung mit Schutzrüstungen, Lebensmitteln und Medikamenten
  • Strukturierung der Arbeit durch z.B. Pausen, Time-Out Bereiche, Schichtenarbeit.
  • Etablierung einer klinischen psychosozialen Notfallversorgung durch ein professionelles psychologisches Team

Insgesamt zeigt sich, dass die psychologischen Ansätze und Instrumenten zum Krisenmanagement, die in China angewendet werden, weitgehend äquivalent zu den Theorien und Praxis in Deutschland sind. Dies verwundert nicht, da das chinesische Fachpersonal hat die Konzepte der psychischen Krisenintervention weitgehend aus dem Westen gelernt. Vor 20 Jahren wurde die Lehre der psychischen Hilfe in der Krisensituation vor allem von den Experten aus den USA, Japan und Deutschland nach China eingeführt. Die chinesischen Kollegen haben das Konzept in den vorangegangenen Krisen, wie der Sars-Epidemie im Jahr 2003 und dem Sichuan-Erdbeben im Jahr 2008, angewendet und praktische Erfahrungen gesammelt. Bei der Covid-19 Pandemie ist die chinesische Fachwelt viel besser aufgestellt als zuvor und hat umfangreiche Interventionen zügig in die Wege geleitet. Bei der Umsetzung der Interventionen zeigten sich jedoch einige Besonderheiten in China.

  1. Besonderheiten bei der Umsetzung der psychologischen Krisenintervention in China

Aufgrund etlicher gesellschaftlichen, kulturellen und strukturellen Eigenheiten in China zeigen sich einige Besonderheiten vor allem bei der konkreten Umsetzung der psychologischen Krisenintervention in China. Dies betrifft insbesondere die Einbindung sozialer Medien, die Bedeutung und der Einfluss von zentralen Regierungsbehörden, die Zusammenarbeit mit Wissenschaftseinrichtungen und privaten Unternehmen, sowie die Zusammenführung unterschiedlicher Methoden.

  • Der starke Einfluss der sozialen Medien

Ein Großteil der Chinesen kann medial über ihr Smartphone erreicht werden. Laut einer Untersuchung im Jahr 2019 betrug die Zahl der Internetnutzer in China 847 Millionen oder 61,2% der Bevölkerung, dies entspricht in etwa dem weltweiten durchschnittlichen Anteil an Internetnutzern. Von dieser Gesamtzahl an Internetnutzer verwenden ich China allerdings 99,1% ein Smartphone, um Zugang zum Internet zu erhalten.  Besonders Plattformen wie Wechat, eine Social-Media-Plattform, die die Funktionen der westlichen Apps WhatsApp und Facebook vereint und Weibo, welches dem westlichen Konkurrenten Twitter ähnelt werden landesweit stark genutzt. Die Öffentlichkeitsabteilungen der Zentralregierung und Lokalverwaltungen präsentieren sich in den sozialen Medien. Wenn also die Regierung oder die Gemeinde Nachrichten oder Anweisungen verkündet, kann fast jeders Haushalt rechtzeitig benachrichtigt werden, welches für ein effizientes Management praktisch ist. Außerdem gibt es eine große Anzahl von sogenannten „Ich-Medien“ bzw. „Bürger-Journalismus“. Es sind private Personen oder Personengruppen, oder selbstständige Unternehmen, die im Internet die Nachrichten bereitstellen und Kommunikationskanäle darstellen. Es gibt im Netz mehrere Tausende dieser Influencer, in China als „Großes V“ genannt, welche teilweise Millionen von Anhängern haben.

Bei der Organisation der psychologischen Hilfe haben diese Medien eine  wichtige Rolle gespielt, um durch die Weitergabe von Informationen, Bereitstellung der Plattformen für die psychologischen Dienste und der Digitalisierung der Wissenstransformation die Angebote in die breite Anwendung zu bringen. Online-Konsultation und Hotline Service wurden realisiert, Online-Kurse wurde abgehalten, Vorträge und Lehre der Experten wurden online präsentiert, Bücher wurden zum Download angeboten. Die neuen Medien haben sich als wirksame und einflussreiche Instrumente erwiesen, die betroffenen Patienten und Millionen Nutzer zu erreichen.

  • Koordinierung und Reglung der Arbeit durch zentrale Behörde und Regierungskomitee

Zur Organisation und Koordination verschiedenen Kriseninterventionsmaßnahmen wurden die staatliche Behörde wie das nationale und regionale Gesundheitskomitee sowie weitere Regierungskomitees, wie die Vereinigung für Ärzte und die Kammer für psychologische Therapien, eine zentrale Führungsrolle zugeschrieben. Sie gaben einheitliche Richtlinien für die zu ergreifenden Maßnahmen aus, stellen finanzielle Mittel bereit. Sie mobilisieren landesweit das medizinische Personal zur Unterstützung der Bevölkerung von Wuhan und sendeten auch ausgewählte psychologische Experten zum Einsatz in Kliniken in Wuhan.

  • Die enge Zusammenarbeit von Forschungsinstitutionen, Universitäten und Forschungsgruppen aus dem privaten Sektor

Die Fachwelt der psychosomatischen Medizin, Psychotherapie und Psychiater haben schnell auf die Krise reagiert und eine Serie von Maßnahmen eingeleitet. Wissenschaftler und klinische Experten aus mehreren großen Forschungsinstitutionen, renommierten Universitäten und dem privaten Sektor, wie Stiftungen, arbeiten eng zusammen, tauschen ihre Erfahrung und Expertise aus und realisieren gemeinsam flächendeckende Maßnahmen wie Hotlines, Online-Konsultation und Wissenstransfer für die breite Bevölkerung.

  • Zusammenführung unterschiedlicher psychologischer Ansätze zu einer Art „Integrative Psychotherapie „

Anhand der oben dargestellten Zusammenfassung, lasst es sich erkennen, dass die chinesischen Kollegen eine bereite Sammlung von psychologischen Ansätze zur Realisierung des grundlegenden Ziels der Krisenintervention eingesetzt haben. Aus jeglichen Schulen der Psychotherapie wurden eine Reihe Instrumente ausgesucht und innerhalb der Krise eingesetzt, darunter v.a. Gesprächstherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Hypnotherapie, achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR), positive Psychologie, Acceptanz und Committment Therapie. Dies entspricht die Verhaltenstendenz der chinesischen Fachwelt für die Kombination von allen Methode, die sie für wirksam halten. Die klassische Unterscheidung unterschiedlicher Therapieschulen verliert hier an zunehmend an Bedeutung.

Ausblick

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass  sich im psychologischen Krisenmanagement weniger in den Inhalten als vielmehr in den strukturellen Rahmenbedingungen und der konkreten Umsetzung Unterschiede zwischen China und Deutschland herauskristallisiert haben. Hervorzuheben ist die besondere Rolle der sozialen Medien sowie die zentralisierte Regulation durch die Regierung. Auf der faktischen Ebene sind diese Faktoren hilfreich für eine rasche und effiziente Umsetzung der Maßnahmen. Gleichzeitig gibt es zunehmend auch kritische Stimmen, die auf das darin liegende Risiko aufmerksam machen. Auf gesellschaftlicher und politischer Ebene birgt die regulative Handhabe der Medien und die zentral-autoritär geleitete Organisation des in hohes Missbrauchspotential und kann zu großen Schaden führen. Aktuell haben die DCAPP-Forscher mit Sorge einen neuen Trend in den chinesischen Medien beobachtet: die Hervorhebung der eigenen Erfolge in der Bekämpfung der Covid-19-Pandamie bei gleichzeitiger Herabsetzung der Leistung anderer Länder in der Handhabung der Pandemie im jeweils eigenen Land, sowie ein latenter bis offen kommunizierter Nationalismus und zunehmende Xenophobie. Teilweise kusieren Fakenews oder falschinterpretierte Nachrichten im Netz. Viele „Ich-Medien“ verbreiten Desinformation, um die Aufmerksamkeit ihrer Follower  zu erlangen und Likes zu enten. Beunruhigend ist auch die Beobachtung, dass bestimmte Staatsmedien solche Desinformationskampagnen nicht unterbinden, teilweise sogar gezielt unterstützen. Dies ist besonders bedenklich, da n Ausnahmesituationen, wie der Corona-Krise  die menschliche Psyche besonders vulnerabel ist. Vor diesem Hintergrund erscheint gerade auch eine kritische Diskussion notwendig, um einerseits ein effizientes und wirksames Krisenmanagement gewährleisten zu können, gleichzeitig aber auch die potenziellen Risiken von Missbrauch, Falschinformation und Manipulation im Blick zu behalten.

Gerade hier kann eine enge Zusammenarbeit zwischen den deutschen und chinesischen Experten von großem Nutzen sein. Deutsche und chinesische Wissenschaftler des DCAPP-Netzwerks planen aktuell, gemeinsame bilaterale Forschungsstudien zum Thema „psychosoziale Folgen der Corona-Pandemie“ und web-basierte Workshops und Fachkonferenzen zum Erfahrungsaustausch in diesem Themenbereich, um sich über das psychologische Krisenmanagement sowie mögliche Langzeitfolgen der Corona-Krise auszutauschen.