Einblicke in die Psychosomatische Medizin in China

Deutsch-chinesisches Alumni-Netzwerk für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Besuch zweier deutscher Nachwuchswissenschaftler auf der psychosomatischen Station am Tongji-Hospital

Anna Gabriel und Johanna Löhlein, studieren beide an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Anna studiert Medizin, Johanna Kognitionspsychologie im Master – zwei passende Blickwinkel für das gemeinsame Praktikum in der chinesischen Psychosomatik. 

Stolz erzählte uns Frau Dr. Fu bei unserer Führung über die Station und durch die Ambulanz am ersten Tag, dass wir diese erste Woche unseres Praktikums auf der ersten offenen psychosomatischen Stationen Shanghais verbringen dürften. Die Psychiaterin betonte, dass neben der medikamentösen Einstellung auch Einzelpsychotherapie, Gruppentherapien und Neuro- bzw. Biofeedback angeboten würden. Letzteres diene dazu die Stimmungsregulation und Entspannung der Patienten zu fördern. Um die psychotherapeutischen Einzelsitzungen der 40 Patienten kümmere sich eine Psychotherapeutin auf der Station.

Frau Dr. Fu arbeitet in einem von drei Ärzteteams der Station. Das Konzept der Therapeutenteams war uns aus Praktika an deutschen Kliniken für Psychosomatik bekannt, wo ein Fokus auf Interdisziplinarität liegt, den wir in Frau Dr. Fus Ärzteteam vermissten.

Sie nahm uns und vier Assistenzärzte mit auf die Visite ihrer 13 Patienten. Bei vielen war eine generalisierte Angststörung und/oder Depression diagnostiziert worden. Während der meist dreiwöchigen stationären Behandlung werden aber auch andere Krankheitsbilder, wie z.B. Schlafstörungen oder eine post-traumatische Belastungsstörung behandelt. Wir bekamen sogar die Gelegenheit die Anwendung der modifizierten Elektrokonvulsionstherapie zu beobachten, mit der dort u.a. Patienten mit therapieresistenter Bipolarer Störung behandelt werden. Ein Kollege von Frau Dr. Fu nahm uns für diesen nicht invasiven Eingriff mit in den OP-Trakt. Dort wartete der Patient in einem Behandlungsraum, bekam eine Narkose und ein Mittel zur Muskelentspannung, bevor ihm Elektroden an die Schläfen angelegt wurden. Es wurden kurze Stromimpulse verabreicht, um das Gehirn zu überreizen und Veränderung auf neuronaler Ebene anzustoßen. Diese Behandlung müsse über mehrere Wochen hinweg bis zu 12 Mal wiederholt werden, um nachhaltig zu wirken, erzählte uns der Arzt.

Zu Frau Dr. Fus Aufgaben gehört es auch, die internationalen Medizinstudierenden der Tongji-University während ihres Praktikums in der Psychiatrie zu unterrichten. Zu den Veranstaltungen durften wir die Ärztin begleiten. Und da der Unterricht auf Englisch gehalten wurde,  lernten bzw. wiederholten wir einiges zu Ess- und Schlafstörungen, Depression und Bipolarer Störung.

Morgens auf dem Weg zum Tongji-Krankenhaus konnten wir häufig einer Gruppe von Frauen beim Tai Chi zuschauen. Die ruhigen, fließenden Bewegungen waren auch an anderen Stellen immer ein faszinierender Anblick und ließen uns darüber nachdenken, welchen Einfluss die kulturellen Traditionen auf das moderne Leben in China und auf die Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen haben. Von den Assistenzärzten am Tongji-Krankenhaus erfuhren wir, dass dort die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) nicht in die moderne psychosomatische Behandlung integriert werde. Wir hatten sogar den Eindruck, die TCM werde am Tongji-Hospital ein wenig belächelt.

Damit stellt sich in chinesischen Krankenhäusern, die „westliche Medizin“ betreiben ein ähnliches Problem dar, mit dem sich die TCM auch in deutschen Krankenhäusern der klassischen Schulmedizin teilweise immer noch konfrontiert sieht. Zahlreiche Studien der letzten 20 Jahre konnten, besonders für Akupunktur, gute Evidenzen zur Behandlung von chronischen Schmerzen zeigen (v.a. untersucht wurden chronische Nacken- und Rückenschmerzen und Schmerzen aufgrund einer Arthrose), zudem geht die TCM im Gegensatz zu einigen schulmedizinischen Behandlungsmethoden in der Schmerzmedizin mit so gut wie keinen Nebenwirkungen einher. Aus diesem Grund ist die Akupunktur in Deutschland in vielen psychosomatischen Kliniken bereits Bestandteil des Behandlungsplans für Schmerzpatienten, trotzdem kämpft die TCM an vielen deutschen Kliniken noch immer um wissenschaftliche Anerkennung.

Als Schatten in der psychiatrischen Ambulanz des Dongfang-Hospital.

Am Dongfang-Krankenhaus können psychiatrische und psychosomatische Patienten nur ambulant behandelt werden, da (noch) keine eigene Station existiert. Die Psychiater teilen sich ein Behandlungszimmer mit Ärzten der kardiologischen Ambulanz. Für die Vor- und Nachbereitung steht ein Büro zur Verfügung, das gleichzeitig das Büro und Behandlungszimmer der Oberärztin der Abteilung ist und in dem auch Supervisionen stattfinden. Einen Gegensatz zu diesen etwas beengten Arbeitsbedingungen bilden die Räumlichkeiten der sogenannten VIP-Klinik, die in einem Neubau des Dongfang-Krankenhauses untergebracht ist. Dort finden die Behandlungen in größeren, neueren Räumen und bei entsprechend höheren Honoraren der Oberärztin und des Chefarztes statt.

Bei der Besichtigung dieses Teils der Klinik mussten wir auch unseren Eindruck zum Gebrauch der TCM relativieren, denn eine ganze Etage war deren Anwendung gewidmet. Von der jungen Psychiaterin Frau Dr. Yang, die uns eine Woche lang betreute, erfuhren wir, dass sie, seit sie in Shanghai arbeite, mehr Patienten mit Angststörung, Depression oder Schlafstörungen sehe, als sie es an ihrer vorigen Stelle in einem Krankenhaus außerhalb des Ballungszentrums getan hatte.

Die psychiatrische Abteilung des Dongfang arbeitet mit einem Weiterbildungsprogramm für Psychotherapeuten zusammen, die die Psychiater während ihrer Tätigkeit in der Ambulanz belgeiten und zu zweit als sogenannte „Schatten“ mit im Behandlungszimmer sitzen. Es war möglich, einen weiteren Stuhl im Behandlungszimmer unterzubringen, sodass wir zwei Nachmittage lang Zeuge davon wurde, wie es  bei einer psychiatrischen Sprechstunde in China zugehen kann.  An einem solchen Nachmittag behandelte die Ärztin ca. 20 Patienten innerhalb von viereinhalb Stunden. Richtig eindrucksvoll wurde es aber, als wir an einem Vormittag bei der „Rezeptesprechstunde“ dabei sein durften. Die Patienten kommen, um für sich selbst oder Angehörige ein Rezept zu holen. Die Tür zum Behandlungszimmer stand dabei fast die gesamte Zeit offen, sodass die nächsten Patienten schon in der Tür und teilweise sogar im Zimmer standen. Die Gespräche der Wartenden und die Durchsagen aus dem Flur drangen ebenfalls herein. Im Zimmer selbst sprach die Psychiaterin etwa drei Minuten lang mit dem Patienten, dann surrte der Nadeldrucker über das Rezept und innerhalb von Sekunden war die Rechnung per Handy-App bezahlt.

Von ganzen psychosomatischen Kliniken, in denen Teams aus Ärzten und Therapeuten verschiedener Therapierichtungen eng zusammenarbeiten, wie sie in Deutschland zur Verfügung stehen, ist China noch weit entfernt. Die Gelegenheit in die Arbeitswelt der chinesischen Psychosomatik einzutauchen, führte zu nicht nur zu einer neuen Perspektive und Wertschätzung der Versorgungslage in Deutschland, sondern ließ uns eine tiefliegende Verbundenheit von Mensch zu Mensch erleben, die unter Kulturgrenzen und Sprachbarrieren existiert.