China ist im Wandel. Dies betrifft auch das Verständnis von guter Lehre. Je internationaler China sich in Forschung und Wissenschaft ausrichtet, desto stärker wirken westlich geprägte Ideale von Freiheit, Unabhängigkeit und Kreativität auf die Lehre in China ein. Welche Auswirkungen dies in der Praxis hat, untersuchten die Mitglieder des Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerks für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) im Rahmen ihres interkulturellen Workshops.

Was ist eine gute Lehre? Was zeichnet einen guten Lernenden aus? Dieser Frage gingen junge chinesische und deutsche Medizinerinnen und Mediziner und Dozierende bei einem interkulturellen Workshop des Alumni-Netzwerks für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im November in Peking nach. Dabei fielen die Vorstellungen aus deutscher sowie chinesischer Sicht zunächst auffallend ähnlich aus. Beide Gruppen einigten sich schnell auf ein gemeinsames Leitbild, das der westlich geprägten Vorstellung eines modernen Lehrkonzepts entspricht, d.h. sich an Idealen wie Freiheit, Unabhängigkeit, Kreativität, Gerechtigkeit und Empathie orientiert. Auch in China, so hieß es, solle eine gute Lehre neugierige und kritische Studierende hervorbringen, die leistungsorientiert seien und zugleich sozial verantwortlich handelten.

Dass bei einem deutsch-chinesischen Workshop der Kooperationsgedanke im Vordergrund steht und daher zunächst nach Gemeinsamkeiten gesucht wird, liegt nahe. Interessant ist aber, dass auf chinesischer Seite neben diesem gemeinsamen Leitbild noch ein weiteres postuliert wurde: eines, das von Fleiß, Disziplin, Leistungsorientiertheit, Autoritätsgefügen und der Einflussnahme durch die Familie geprägt ist. Das „offizielle“ oder „staatliche“ Vorbild, welches eher westlichen, stereotypen Vorstellungen von China entspricht.

Wie passen diese beiden Leitbilder zusammen? Das, was von den deutschen Teilnehmenden als nicht zu vereinbarendes Paradox empfunden wird, damit leben junge Chinesinnen und Chinesen tagtäglich. Offizielle bildungspolitische Maßnahmen, die zur Abschwächung rigider Leitbilder beitragen sollen – angefangen bei der Schule – werden in der Praxis nicht ausreichend angenommen. Beispielsweise wurden Schulen angehalten, weniger Wert auf Hausaufgaben und Notenvergabe zu legen, um den Leistungsdruck zu mildern. Jedoch scheiterten solche Maßnahmen häufig an fehlender Akzeptanz seitens der Betroffenen selbst bzw. der Eltern und Schulen. Der Leistungsanspruch ist tief verankert in der chinesischen Gesellschaft. Statt mit einer entspannteren Arbeitshaltung reagieren viele mit erhöhtem Leistungsdruck. Schließlich müsse das im Unterricht nicht Geleistete über Privatstunden nachgeholt werden, um im nationalen Vergleich mithalten zu können. Dadurch ist die tatsächliche schulische Lernbelastung zum Teil höher und für die Familien teurer geworden.

Viele junge Chinesinnen und Chinese stehen also vor einem Dilemma. Sie wissen nicht, welches Vorbild für sie gilt und wenn ja, wie sie ihm gerecht werden können. Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis führt zu einem hohen Maß an Stress bei den Lernenden und ihrem Umfeld. Viele Betroffene suchen eine psychologische Beratung oder psychosomatische Sprechstunde auf. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein über die Bedeutung psychischer und psychosomatischer Störungen stark gewachsen, wie auch die Verabschiedung des „Mental Health Law“ in China im November 2012 zeigt. Seitdem wird zwar der Aufbau des Fachbereichs Psychologie und Psychotherapie an chinesischen Hochschulen und Krankenhäusern unterstützt, aber es fehlt noch an Expertise und Erfahrung.

Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit des Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerks für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) an. DCAPP-Mitglieder bieten regelmäßige Schulungen für chinesische Fachkräfte und Nachwuchsmediziner an und tragen mit ihrer Expertise und ihrem wachsenden Netzwerk zur Etablierung der Psychologie und Psychotherapie in China bei. Sie leisten wichtige Anstöße bei der Suche nach der Balance zwischen Leistungsanspruch von Lehrenden und Eltern auf der einen und psychischer Gesundheit und Selbstentfaltung der Lernenden auf der anderen Seite.

Es ist langer Weg, auf dem beide Länder viel voneinander lernen können.