Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in China

Laut einer Hochrechnung der Weltgesundheitsorganisation für das Jahr 2030 machen drei Krankheiten in den nächsten Jahren weltweit den größten Teil der Krankheitslast (burden of disease) aus: HIV-AIDS, depressive Störungen und koronare Herzerkrankung [1]. Hinzu kommen folgende sieben psychische Störungen, die zu den 20 häufigsten Ursachen für Jahre mit starker Beeinträchtigung des normalen, beschwerdefreien Lebens durch eine Krankheit (years lived with disability) zählen: Depression, Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie, Angststörungen, manisch-depressive Störungen, chronisch depressive Verstimmung, und Drogenabhängigkeit. Diese psychischen Störungen können auch Auslöser psychosomatischer Wechselwirkungen sein: sie begünstigen beispielsweise die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen. Ebenso können einschneidende körperliche Erkrankungen ihrerseits zu psychischen und psychosomatischen Problemen führen, die auch die Bewältigung der körperlichen Erkrankung erschweren können.

Ein Land, das sich in besonderem Maße den Herausforderungen verhaltensbedingter Krankheiten ausgesetzt sieht, ist China. Im Zuge seines rasanten gesellschaftlichen Wandels erlebt China derzeit einen massiven Anstieg an psychischen und psychosomatischen Störungen. In den letzten Jahren ist dort das Bewusstsein über die Bedeutung psychischer und psychosomatischer Störungen stark gewachsen. Die Verabschiedung eines „Mental Health Law“ im November 2012 unterstreicht die Bedeutung, die die chinesische Regierung mittlerweile der Behandlung von psychischen und psychosomatischen Störungen beimisst. Dass Handlungsbedarf besteht, belegen die Zahlen: Etwa 173 Millionen Menschen sind in China behandlungsbedürftig im Sinne einer Psychotherapie, aber 158 Millionen (92%) von ihnen bleiben unbehandelt [2]. Laut Länderbericht der WHO lag der Betreuungsschlüssel für die psychiatrische Versorgung im Jahre 2010 bei 1,53 Psychiaterinnen und Psychiatern pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, mit einem starken Stadt-Land-Gefälle [3].

Deutschland dagegen verfügt über eine lange Tradition in Psychosomatischer Medizin und Psychotherapie. Es wurden ausgereifte Modelle und Techniken für die Behandlung psychosomatischer und psychischer Erkrankungen entwickelt. Gleichzeitig hat sich Deutschland im Bereich der globalen Gesundheit seit 2013 stark engagiert und international Verantwortung übernommen. Lutz Stroppe, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, kündigte im letzten Jahr eine neue Strategie zur „Globalen Gesundheit“ an. Deutschland wolle mit anderen internationalen Partnern einen wichtigen Beitrag leisten, „um die globalen Gesundheitsherausforderungen zu bewältigen“.

Dies ist der Hintergrund, vor dem die Expertinnen und Experten des Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerks für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen zum Aufbau eines modernen Mental Health-Gesundheitssystems in China beitragen wollen. Sie möchten mit ihrem Know-how einen Beitrag zur globalen Gesundheit leisten.

Zu ihren konkreten Zielen gehören die Aus- und Weiterbildung von Fachärztinnen und -ärzten für die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie der Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die Unterstützung beim Aufbau von Versorgungsstrukturen im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich sowie die gemeinsame Arbeit an Forschungsprojekten zur Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen bei psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen. Das Alumni-Netzwerk unterstützt die Einbindung deutscher Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler in die Entwicklung deutsch-chinesischer Klinikprojekte, die Entwicklung neuer Berufsfelder und den Aufbau von Strukturen im Gesundheitswesen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Einbeziehung deutscher und chinesischer Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler. Sie nehmen an intensiven Trainingskursen teil, führen gemeinsame Studien durch und forschen im Ausland. Es werden auch Praktika für Studierende der Fächer Psychologie und Medizin in Psychosomatischen Abteilungen chinesischer Krankenhäuser ermöglicht. Lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Einblicke in die Psychosomatische Medizin in China“.

Ein weiter Schwerpunkt des Netzwerks liegt auf der Förderung der China-Kompetenz in Deutschland. Die Fähigkeit mit kultureller Vielfalt umzugehen ist eine Schlüsselkompetenz in der heutigen globalisierten Welt. Die Expertinnen und Experten des DCAPP-Netzwerks bieten am 19. November 2019 in Peking das 2. Forum „Stressbewältigung im interkulturellen Kontext: Deutschland-China“ für deutsche Studierende, wissenschaftlich Tätige sowie deren chinesische Partner an, um kulturelle Sensibilität und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Interessentinnen und Interessenten sind herzlich eingeladen, an dieser Veranstaltung am Peking Union Medical College teilzunehmen. Mehr hierzu unter DCHAN Veranstaltungen. Wer sich für weitere Veranstaltungen des Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerks für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (in Deutschland und China) interessiert, kann sich gerne auch hier als Mitglied anmelden.